Wänni
wänni widdä hamkumm
fo idaliän oddä fo sunsdwu
un siich scho fo waidn
mai aldnburch
main michlsbärch
maina domdüäm
nochädd griichi so a gfüül
däs öäschd widdä fägeed
wänni äs öäschda
blööda bäkannda gsichd
siich**
Übersetzung:
Wennich
Wenn ich wieder heimkomme
von Italien oder von sonst woher
und ich sehe schon von Weitem
meine Altenburg
meinen Michelsberg
meine Domtürme
dann bekomme ich so ein Gefühl
das erst wieder vergeht
wenn ich das erste
blöde bekannte Gesicht
sehe
Gerhard Krischker aus meiner Heimatstadt Bamberg, hat dieses Gedicht in den 70-er Jahren geschrieben. Ein „68er“, der fränkische Mundart auf überraschende Weise neu verwendete und auch uns damals 18, 19 –Jährige erreichte.
Er kommt also heim von Italien oder sonst woher und sieht „seine Altenburg, seinen Michaelsberg, seinen Dom“: also eine Burg, einen Klosterkomplex samt Kirche und die Türme des gotischen Doms – gleich vierfach strecken diese sich spitz in den Himmel.
Und dann bekommt „er so ein Gefühl“, das erst wieder vergeht, wenn er das erste blöde bekannte Gesicht sieht.
Dieses Gefühl war für uns nachvollziehbar – die Wahrzeichen der Stadt lösten auch bei uns etwas aus: Heimatgefühl hätten wir es nicht genannt, es war wohl eine Art Besitzerstolz auf die grossartigen Bauwerke. Sie thronten einfach immer da, dienten der Orientierung und beeinflussten allein durch ihr Dastehen unser ästhetisches Bewusstsein von „Stadt“, unser Bewusstsein von „Herkunft“. Mit den tatsächlichen Inhalten und Funktionen der Bauwerke hatte dieser Stolz gar nichts zu tun: hinter dem Dom stand ja z.B. der Erzbischof und damit die ganze katholische Kirche, die mit der extrem konservativen CSU (den „Schwarzen“, weil beeinflusst von den schwarz gekleideten Pfarrern) die Stadt mit fester Hand regierte:. Die „ersten blöden bekannten Gesichter“ bei Krischker verkörperten sicher die bierseeligen, bauernschlauen „Schwarzen“. Selbstverständlich definierten wir uns als „Rote“ und fühlten uns im kleinbürgerlichen Klima der Stadt nicht wohl. Deshalb brauchte es die Ausbrüche in die Fremde, eben nach Italien oder sonst wohin.
Und dann landete ich in der Agglomerationsgemeinde Suhr. Auf den ersten Blick planlos wirkende Anhäufung von Strassen, Wohnbauten und Industrie. Schönheit nicht wie bei einer historischen Stadt als Gesamtheit sichtbar, nur in kleinen Ausschnitten aufzufinden, oftmals versteckt. Die verwurzelnden Beziehungen wuchsen aber dennoch langsam – diesmal nicht über imposante Gebäude, sondern über imponierende Menschen. Mein Gedicht für meine heutige Heimat würde also ganz andersherum gemeint sein, aber fast gleich lauten:
Wennich
Wenn ich wieder heimkomme
von Italien oder von sonst woher
und ich sehe schon von Weitem
mein Migros-Verteilzentrum
meinen Möbel Pfister
meine Aargauer Zentralmolkerei, die heute Emmy heisst
dann bekomme ich so ein Gefühl
das erst wieder vergeht
wenn ich das erste
liebe bekannte Gesicht
sehe
Eli Wilhelm, *1959, Kulturmanagerin
**Gerhard C. Krischer: fai obbochd. Gesammelte Dialektgedichte. Bamberg: 1994, S. 29
(Erstausgabe im Selbstverlag: 1974)
Vielen Dank Eli Wilhelm für ihren heimatlichen Beitrag!
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